Pflanzen vermehren: Die vier Grundtechniken
Warum 15 Euro für eine Hortensie bezahlen, wenn man sie kostenlos aus einem Steckling ziehen kann? Pflanzen vermehren ist keine Hexerei, sondern grundlegendes Gärtnerwissen – und gleichzeitig die effektivste Methode, um den Garten ohne großes Budget zu füllen. Die vier Grundtechniken: Teilung, Stecklinge, Aussaat und Absenker. Jede Technik hat ihre Jahreszeit und ihre Pflanzen – wer alle beherrscht, braucht praktisch nie wieder Pflanzen zu kaufen.
Stauden teilen: Die einfachste Methode
Beste Zeit: Frühjahr (März/April) für Sommer- und Herbstblüher, Herbst (September/Oktober) für Frühjahrsblüher. Technik: Staude mit der Grabgabel komplett ausheben. Mit dem Spaten oder von Hand in 3 bis 5 Teilstücke trennen (jedes Stück braucht mindestens 3 Triebknospen und ausreichend Wurzeln). Sofort einpflanzen, gut wässern. Erfolgsrate: 95 Prozent – praktisch jede Teilung gelingt.
Ideal zum Teilen: Taglilien (alle 3–4 Jahre teilen, sonst lässt die Blühfreude nach), Storchschnabel (bildet breite Horste, lässt sich problemlos in 5–8 Stücke teilen), Funkien/Hostas (im Frühling, bevor die Blätter ausrollen), Astern, Phlox, Sonnenhut (Rudbeckia), Fetthenne (Sedum), Frauenmantel (Alchemilla), Gräser (Lampenputzergras, Chinaschilf – im Frühling mit Spaten halbieren), Iris (nach der Blüte im Juli: Rhizome ausgraben, in 10 cm Stücke teilen, flach einpflanzen).
Nicht teilen: Pfingstrosen (reagieren empfindlich – nur wenn unbedingt nötig, und dann dauert es 2–3 Jahre bis zur nächsten Blüte), Christrosen (lieber in Ruhe lassen, sie versamendorf sich selbst), Clematis (Wurzeln zu empfindlich). Tipp: Fragen Sie Nachbarn! Jeder Gärtner, der seine Stauden teilt, hat Überschuss – und gibt gerne ab. Gegenleistung: Eine Pflanze anbieten, die der Nachbar nicht hat.
Stecklinge: Sträucher und Gehölze vermehren
Kopfstecklinge (Juni–August): Von halb-verholzten Trieben 10 bis 15 cm lange Stücke schneiden. Unteren 2/3 der Blätter entfernen. In feuchte Anzuchterde stecken (1:1 Mischung aus Torf und Sand oder Perlite). Mit Plastiktüte oder umgedrehtem Einmachglas abdecken (Miniatmosphäre mit hoher Luftfeuchtigkeit). Standort: Hell, aber keine direkte Sonne. Bewurzelung: 4 bis 8 Wochen.
Bestens geeignet für Stecklinge: Hortensien (Bewurzelungsrate 80 %, beste Stecklingszeit: Juni), Buchsbaum (Juli–August, mehrere Stecklinge gleichzeitig setzen für Hecken – aus einem Buchsbaum lassen sich 50 Stecklinge schneiden!), Lavendel (Juni, halb-verholzte Triebe), Forsythie (steckhölzer im Winter!), Weigelie, Deutzie, Rosmarin, Salbei, Thymian, Efeu (ganzjährig in Wasser oder Erde), Geranien/Pelargonien (September-Stecklinge für den nächsten Sommer überwintern).
Steckhölzer (November–Februar): Die Wintervariante für Gehölze. Bleistiftdicke, 20 bis 25 cm lange Triebe schneiden (oben gerader Schnitt, unten schräger Schnitt zur Markierung). 2/3 in die Erde stecken, die obere Knospe schaut heraus. Funktioniert bei: Johannisbeere, Stachelbeere, Weidenarten, Hartriegel, Liguster, Forsythie. Im Frühling treiben sie aus, im Herbst umsetzen. Kosten: null Euro.
Aussaat: Masse zum Minipreis
Saatgut sammeln: Im Herbst Samen von den eigenen Pflanzen ernten. Sonnenblumen: Kerne aus der Blüte lösen, trocknen. Ringelblumen: Samen von verblühten Köpfen sammeln. Tomaten: Kerne aus reifen Früchten waschen, trocknen (Fermentationsmethode: Kerne in Wasser 3 Tage stehen lassen, die schwimmenden wegwerfen, die sinkenden waschen und trocknen – entfernt keimhemmende Schicht). Bei samenfesten Sorten (kein F1-Hybrid!) sind die Nachkommen sortenecht.
Saatgut tauschen: Online-Plattformen (Saatgut-Tauschbörsen), lokale Garteninitiativen, Saatgut-Bibliotheken (ja, die gibt es – in vielen Stadtbibliotheken kann man Saatgut „ausleihen" und im Herbst Samen zurückbringen). Günstige Saatgut-Quellen: Discounter (Aldi, Lidl) haben im Frühjahr brauchbares Saatgut für 0,49 Euro/Tüte. Dreschflegel, Bingenheimer Saatgut: Bio-Saatgut samenfester Sorten, 2–4 Euro/Tüte mit 50–500 Samen.
Tauschen und Netzwerken
Pflanzentauschbörsen besuchen: Im Frühling und Herbst in vielen Gemeinden, Kleingartenvereinen und Garteninitiativen. Regel: Mitbringen, was man übrig hat – mitnehmen, was man braucht. Kein Geld nötig. Online-Tausch: ebay-kleinanzeigen (Kategorie: Garten, „zu verschenken"), nebenan.de (Nachbarschafts-App), Facebook-Gruppen „Pflanzentausch [Stadt]".
Ableger und Ausläufer nutzen: Erdbeeren bilden Ausläufer – neue Pflanzen einfach abschneiden und einpflanzen. Brombeeren: Triebspitzen berühren den Boden und bewurzeln sich (Absenker) – abtrennen und umpflanzen. Himbeeren: Wurzelausläufer ausstechen und anderswo einpflanzen. Manche Stauden (z.B. Goldfelberich, Maiglöckchen, Minze) breiten sich so aggressiv aus, dass Nachbarn froh sind, wenn jemand die Ausläufer mitnimmt!
Kostenrechnung: Selbst vermehren vs. kaufen
Hortensie: Gartencenter 20 Euro, Steckling 0 Euro (Ersparnis: 100 %). Buchsbaum-Hecke (10 m): Container 250 Euro, Steckhölzer 0 Euro (Ersparnis: 100 %, braucht 2 Jahre länger). Lavendel-Beet (20 Pflanzen): Kaufen 80 Euro, Stecklinge 0 Euro. Gemüse-Jungpflanzen (Tomaten, 10 Stück): Kaufen 25 Euro, Aussaat 2 Euro. Staudenbeett (30 Pflanzen): Kaufen 150–250 Euro, Teilen und Tauschen 0–20 Euro. In Summe spart aktives Vermehren einem durchschnittlichen Hobbygärtner 300 bis 800 Euro pro Jahr.